Rundgang durch das historische Niederbrechen

Ansicht von Niederbrechen im 14. Jahrhundert

Was ist Niederbrechen?

Das Gemeindegebiet bezeichnet den unteren Abschnitt des Goldenen Grundes, wo dieser allmählich in das Limburger Becken übergeht. Oberbrechen und der Hauptort Niederbrechen sind Stationen an der alten Landstraße zwischen Bad Camberg und Limburg, während das kleinere Werschau von der Autobahnstrasse auf der ehemaligen Hohen Straße abgeschieden wird. Die frühere Geschichte der Rechte und Besitztümer in diesem Bereich der Grafschaft Diez war bestimmt von einer zunehmenden Ausbreitung Kurtriers auf Kosten der Herren von Molsberg und Limburg (erste urkundliche Erwähnung: 772). Niederbrechen wurde 1370 aus strategischen Gründen sogar zur Stadt erhoben. Aus der geschlossenen und umwehrten Siedlung schnitt der Großbrand von 1872 einen großen Teil heraus. Im dörflichen Ortsbild ist der erhaltene Obertorturm ein überraschendes Geschichtszeugnis. Wir laden Sie ein, die historischen Sehenswürdigkeiten Niederbrechens in Form eines Rundgangs zu besuchen. Ausgangspunkt ist das Gemeindearchiv im alten Rathaus Niederbrechen.

Haus Bergstraße 31

Haus Bergstraße 31, Stefan Dreier Es handelt sich um einen großräumigen, zur Gasse hin giebelständigen Fachwerkbau, der sich an eine Scheune des 19. Jahrhunderts anlehnt. Vor der späteren Aufdrempelung waren die Proportionen weniger steil. Eine versetzte ehemalige Türtafel enthält die Jahreszahl 1661. Zu dieser bemerkenswerten Entstehungszeit passt das allseitig und markant überständige Obergeschoss. Das Haus zählt zu den ältesten Niederbrechens und wurde bald nach dem Großbrand im 30jährigen Krieg errichtet. Das bemerkenswerte Fachwerk wurde in den letzten beiden Jahren freigelegt. Der Weg führt uns nun über die Kirchentreppe zur katholischen Pfarrkirche von Niederbrechen.

Katholische Pfarrkirche St. Maximin

Katholische Pfarrkirche St. Maximin Errichtet wurde die Kirche 1899-1901 nach einem Entwurf des Frankfurter Architekten Josef Röder. Das abgebrochene Langhaus mit Chor stammte von 1737. 1952 wurde auch das romanische Westwerk umgestaltet und durch eine sachlich-nüchterne Anlage ersetzt, die aus den Gassen sichtbar ist. Der Bau von 1901 ist eine aufwendige, kreuzförmige Basilika im neogotischen Stil. Ihr Formenreichtum zeigt sich von der Friedhofseite her. Das Innere hat schlanke Gliederungen und ein Kreuzrippengewölbe mit vorgelegten Gurtsäulchen. Die Ausstattung ist im wesentlichen erhalten. Auf dem nördlichen Seitenaltar befindet sich eine spätgotische Holzskulptur der Muttergottes (Ende des 15. Jh.) Über den Kirchenparkplatz gelangen wir zur Burgstraße

Burgstraße

Burgstraße Bereits im Jahre 1023 ist ein Burghaus in Brechen nachgewiesen. Damals war Brechen Molsberger Besitz. Die Burg wurde im Jahre 1320 von Kurfürst Balduin zerstört, in den Jahren 1367 bis 1379 unter der Herrschaft des Kurfürsten von Trier wieder aufgebaut. Die Fachwerkhäuser in der Burgstrasse sind überwiegend in der Zeit zwischen 1685 und 1710 errichtet worden. Bemerkenswert ist die Hausinschrift im Anwesen Burgstrasse 4 sowie das freiliegende Fachwerk am Wohnhaus Burgstrasse 3, welches für die damalige Zeit auffallend schmucklos und schlicht war. Das winklig vorkragende Obergeschoss entfaltet in der steil ansteigenden Burgstrasse eine prägnante Raumwirkung. Am unteren Ende der Burgstrasse gelangen wir nun zum Anwesen Wilhemstrasse 2.

Hofanlage Wilhelmstraße 2

Hofanlage Wilhelmstraße 2 Beim Wohnhaus handelt es sich um einen Putzfachwerkbau des mittleren 19. Jahrhunderts. Die Ecklage kommt in der einheitlichen Fassadengestaltung und dem klassizistischen Walmdach zum Ausdruck. Im Inneren biedermeierliche und gründerzeitliche Ausstattung. Dazu gehört eine umfangreiche Branntwein-Destillationsanlage, die als typische Ergänzung der regionalen Hofwirtschaft und von technikgeschicht-lichem Interesse ist. Der Name des Weinlokals in der ehemaligen Scheune des Anwesens erinnert an den Schuppen, in dem die Gemeinde in früheren Jahrhunderten die Feuerleitern aufbewahrte. Wenn wir die Rathausstrasse hinaufgehen, erreichen wir den Gefangenenturm.

Gefangenenturm

Gefangenenturm Der Gefangenenturm ist der bedeutendste Teil der ehemaligen hochmittelalterlichen Stadtbefestigung von 1370/79. Die beiden anschließenden Mauerabschnitte zeigen innen große Blendbögen und hatten einen Wehrgang. Der Turm flankierte ein nicht mehr vorhandenes Tor, das Langhecker Tor, welches heute durch ein Metallgestell mit Rosen nachgebildet wird. Der Turm schließt mit einem Bogenfries und Zinnenkranz ab. Im Jahre 1957 wurde der Gefangenenturm renoviert. Der Rundgang führt uns durch das nachgebildete Langhecker Tor zum Wasser-reservoir in der unteren Langhecker Strasse.

Wasserhäuschen Langhecker Straße

Wasserhäuschen Langhecker Straße Das Wasserreservoir stammt aus dem Jahr 1909. Die übergiebelte Quaderform mit ihrer Bossenrustika nimmt auf die Form einer Grottenarchitektur Bezug und unterstreicht die Bedeutung der damals neuen und geregelten Wasserversorgung für den Ort. Die Mauerfassung mit schmiedeeisernem Zaun wurde an der Strasse leider beseitigt. Nachdem wir die Obertorstrasse erreicht haben, wenden wir uns nun dem Bildstock an der Einmündung in die Villmarer Strasse zu.

Bildstock/Kruzifix in der Villmarer Straße

Kruzifix in der Villmarer Straße Ursprünglich stand dieses Strassenkreuz vor der Stadtmauer. Beim Bau des Wohnhauses Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Zusammenstellung erneuert. Großer gefasster Schnitzkorpus in akademisch-naturalistischer Manier. In den Sockelstein eingefügt ist eine kleine Marmorreliefplatte mit dem Hl. Georg. Die Inschrift nennt den Stifter, aber kein Datum (um 1800). Nun geht es zurück zur Nikolausstrasse. Dort gelangen wir zum Hof der Familie Königstein.

Hofanlage Nikolausstraße 12

Hofanlage Nikolausstraße 12 Die Gebäude wurden aus beworfenen Bruchstein im Jahre 1860 außerhalb der Altstadt errichtet. Es handelt sich um einen regulären Vierseithof. Die Solidität des Materials und die stattliche Architektur der Fassade sind ungewöhnlich im damaligen bäuerlichen Wohnhausbau. Die Scheune und die südlichen Nebengebäude gehören zur Sachgesamtheit des Kulturdenkmals. Wir gehen nun weiter, biegen zunächst in die Marktstrasse und anschließend nach rechts in die Neue Strasse ab. Nach Überquerung der Limburger Strasse gelangen wird durch ein schmales Gässchen zur ehemaligen Kollasmühle.

Ehemalige Kollasmühle

Ehemalige Kollasmühle Die Mühle war früher kurfürstliches Eigentum und wurde als Erblehen vergeben. Die Pacht wurde in Frucht bezahlt und nach dem 30jährigen Krieg mußte die Mühle wieder aufgebaut werden. 1690 wurde sie erhöht. weil eine Ölmühle angebaut wurde. Geschichtlich ist sie die Hauptmühle Niederbrechens im Tal der Emsbach. Überliefert ist das Baujahr 1766. Spätbarockes, verputztes Hauptgebäude mit breitem Krüppelwalm. In der Giebelseite eine schlichte, biedermeierliche Haustüre. Die langgezogene Stalltenne in Mischbauweise und aus dem 19. Jahrhundert. Wir folgen dem Verlauf der Gartenstrasse und biegen in den kleinen Wiesenweg ein. Über den Emsbach erreichen wir das Bahnhofsgebäude.

Alter Bahnhof

Alter Bahnhof Im Jahre 1877 wurde die Bahnstrecke Frankfurt-Limburg in Betrieb genommen. Damals erbaute man auch den Bahnhof, der heute ein Mittelpunkt für die ganze Umgegend geworden ist, Es handelt sich um einen Typenbahnhof der Königlich-Preussischen Eisenbahndirektionen. Die dazugehörige Güterhalle wurde inzwischen abgebrochen, Das stattliche, zweieinhalbstöckige Empfangsgebäude mit übergiebeltem Risalit zeigt den damals im Bahnbau üblichen Spätklassizismus. Knapper Schmuck sind die Profilbügen und ein dekoratives Freigespärre am Dach. Entlang der Bahnhofstrasse gehen wir zurück bis zur Limburger Strasse und besichtigen nun die Reste der alten Stadtmauer an der Einmündung der Sackgasse in die Rathausstrasse

Ehemalige Stadtmauer

Ehemalige Stadtmauer Zwischen 1367 und 1369 wurde die Stadtmauer errichtet, die ein beachtliches Bauwerk mit drei Toren war. Die Mauer steht an dieser Stelle in einer Länge von etwa 50 Metern teilweise in alter Höhe. Der innere Teil des vorhandenen Gebäudes ist als "Pförtnerhaus" überliefert, da sich hier das Untertor befand, von dem noch der Bogenansatz zu erkennen ist, ebenso spärliche Wehrgangsreste. Setzen wir unseren Rundgang fort bis zum Rathaus der Gemeinde Brechen in der Marktstrasse.

Ehemaliges Schwesternhaus

Ehemaliges Schwesternhaus Bereits kurze Zeit nachdem das Anwesen an der Ecke Langgasse/Zehntenstrasse im Jahre 1892 der Kirchengemeinde zur Verfügung gestellt worden war, wurde das alte Haus abgerissen, um Platz für einen Neubau zu schaffen, der den Dernbacher Schwestern zur Nutzung über-lassen wurde. So diente das Gebäude als "Kinderbewahranstalt" und Nähschule. Nach Erweiterung im Jahre 1948 und Aufstockung des Gebäudes waren auch alte und pflegebedürftige Frauen hier untergebracht. Nachdem die Schwestern zunächst in das Nachbarhaus umzogen und die Gemeinde schließlich komplett verlassen haben, diente das Gebäude der Gemeinde Brechen seit dem Jahre 1977 als Rathaus. Als nächstes biegen wir nun in die Friedrichstrasse ab und erreichen so die Bergstrasse.

Bergstraße Haus 3/5 und 6/8

Bergstraße Haus 3/5 und 6/8 Das Haus 3/5 stammt aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts. In der Nutzung ist es längsgeteilt. Ursprünglich handelte es sich um einen Sichtfachwerkbau mit dem Merkmal mehrseitiger Geschossüberstände. Die Fachwerkkonstruktion des Hauses 6/8 stammt in ihrem Kern aus der Zeit um 1550. Es handelt sich um die älteste Bausubstanz nach dem Rathaus, die den Stadtbrand 1632 überlebt hat. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten zählt das Gebäude seit einigen Jahren zu den Schmuckstücken des Ortes. Wir folgen dem Verlauf der Bergstrasse und erreichen unterhalb des alten Rathauses den "Schuster-Matthese-Stock"

Schuster-Matthese-Stock

Schuster-Matthese-Stock Spätbarocker, nach 1750 errichteter Bildstock. Die vollständige Gliederung besteht aus einem Volutensockel, Pilaster und Kopfstein mit gerahmten Relief der Krönung Mariens. Der Name stammt von einem Schuster, der vor einigen hundert Jahren in Niederbrechen eine kleine Landwirtschaft betrieb. Zur Erntezeit fuhr er mit einen Kuhgespann aufs Feld. Durch ein aufziehendes Gewitter erschreckt, zogen die Kühe den Wagen an und der Schuster stürzte hinunter. Zum Gedenken an seinen Tod ließen seine Kinder an der Stelle einen Bildstock errichten. Damit ist unser Rundgang beendet. Den Abschluß bildet das "Alte Rathaus"", welches in diesem Jahr 300 Jahre alt wird

Altes Rathaus Niederbrechen

Altes Rathaus Niederbrechen Das Alte Rathaus wurde im Jahre 1700 (Jahresangabe lt. Giebel auf der Mittelstraße) als zweistöckiger Fachwerkbau mit geschweiftem Giebel auf älteren Grundmauern errichtet. Der "Kellner" des erzbischöflichen Amtes in Trier hatte darin seine Amtsräume und seine Wohnung (Zehnt- bzw. Amthaus Kurtriers).

An der Spitze des flachen Wellengiebels sitzt der sog. "Rathausmann" ("Rothesmann"), ein aus Holz geschnitzter Männerkopf. Durch den geöffneten Mund der Konsolmaske lief ein Seil für die Fruchthole. Die Felder unter dem "ehem. fränkischen Erkern" der Süd- und Westseite waren mit Holzschnitzwerk geschmückt, das unter anderem zwei geflügelte Engelköpfe zeigte, die bunt bemalt waren.

Im Jahr 1722 wurde auf Anordnung der erzbischöflichen Behörde in Trier im Rahmen eines Vergleiches wegen Zehntstreitigkeiten ein kleineres Backhaus durch die "Dezimatoren", die Zehntempfänger, für die Gemeinde erbaut. Der Anbau ist durch die einfache Art des Fachwerks leicht zu erkennen. Ebenso wurde eine Einfassung des seit 1653 nachgewiesenen Brunnens vorgenommen.

Ein weiterer Anbau erfolgte bald danach als Lagerplatz für die Backwellen und anderes Brennmaterial.

Auf der Westseite hatte das Haus eine offene Laube, die der Abhaltung des Wochenmarktes diente. Fleisch, Maximin-Wurst, Wecken, Leinen aus den hiesigen Webereien u.a. wurden hier gehandelt. Hier wurde auch der Fruchtzehnte auf seine "Marktfähigkeit" untersucht und gelagert. Ebenso waren dort die Eisen für den Schandpfahl ("Pranger") angebracht.

Als zu Beginn des 19. Jh. der Zehnt abgelöst wurde, diente das Haus den Schultheißen der Gemeinde als Amtssitz. In jener Zeit erfuhr der Bau eine unschöne bauliche Veränderung. Man mauerte die offenen Laube teilweise zu und verlegte den Eingang zum oberen Stockwerk und den Zehntspeichern, der sich früher in der Laube befand, auf die Südseite. Das ganze Gebäude wurde verputzt, und da die Engelköpfe und andere Schnitzereien zu weit hervorragten, glättete man diese Fläche mit der Axt. Die offengebliebene Nordseite der Laube verschloß man mit einem Lattentor und stellte dort die Feuerspritze unter. An den Westgiebel baute man einen Schlauchturm an und verschieferte die obere Hälfte dieser Seite.

Im Jahre 1912 wurde durch die Initiative des Herrn Landrat Büchting der Putz entfernt und unter der fachkundigen Aufsicht von Professor Luthmer, Frankfurt, das Haus in seiner alten Form wiederhergestellt. Der Limburger Bildhauer Soltau ergänzte die stark demolierten Engelköpfe und Schnitzereien nach altem Vorbild. Der Schlauchturm wurde abgerissen, nur die Laube, in welcher auch weiterhin die Feuerspritze ihren Platz hatte, wurde nicht in der alten Form wiederhergestellt.

Im Erdgeschoß des Rathauses befanden sich drei Räume, die von einer Familie bewohnt wurden. Zwei kleine Räume dienten als Obdachlosenasyl.

Ein Raum, der früher der Feuerwehr diente, war damals von dem Altertumsverein ausgebaut worden, und dieser lagerte hier in wohlgeordneten Regalen Bücher, Schriften und alte Zeichnungen.

1963 begann die Renovierung des Rathauses. Seitdem repräsentiert nun ein großer Sitzungssaal mit einer dicken Eichensäule im Erdgeschoß die Gemeinde Niederbrechen. Karl Heinz Reesem Offenbach, spendete die Figur des hl. Florian (16. Jh., Eichenholz), die Glasfachschule Hadamar gestaltete die Fenster im Nordteil des Saales.


Diese Broschüre wurde anlässlich des Tags des offenen Denkmals am 10.09.2000 von Alexander Poppe, Jörg Bretz und Margret Weidner erarbeitet.

Quellen:
Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland
Karl Müller: Heimatbuch von Niederbrechen (1967).
Zeichnungen von Alexander Poppe
Fotografie Altes Rathaus Niederbrechen von Jörg Bretz